Zehn Jahre Master Immunologie in Magdeburg
Als der Masterstudiengang Immunologie 2016 in Magdeburg startete, war er der erste seiner Art in Deutschland – ein Wagnis mit gerade einmal 13 Studierenden. Zehn Jahre später ist aus dem Nischenfach eine Schlüsseldisziplin geworden: Zell- und Gentherapien verändern die Krebsbehandlung und kaum ein Feld der Medizin entwickelt sich so rasant.
Zum 10-jährigen Jubiläum ziehen wir Bilanz: Prof. Dr. med. Dirk Reinhold, der den Studiengang von Beginn an mit aufgebaut hat, und Prof. Dr. med. Stephan Fricke, der seit Oktober 2025 das Institut für Klinische Immunologie und Zelltherapeutika leitet, blicken in die Vergangenheit, erzählen, was der Medizin-Nobelpreis mit dem Studiengang zu tun hat und welche Fragen die Immunologie im nächsten Jahrzehnt beschäftigen werden.

Foto (v.l.): Prof. Dr. med. Stephan Fricke und Prof. Dr. med. Dirk Reinhold. Fotografin: Melitta Schubert / UMMD
Prof. Reinhold, erinnern Sie sich noch an den Start des Masterstudiengangs 2016 und die ersten 13 Studierenden?
Prof. Reinhold: Sehr gut sogar. Vor uns saßen 13 junge, erwartungsvolle Menschen. Nach einer langen Phase der Konzeption und Vorbereitung wurde aus einer Idee plötzlich Realität. Natürlich gab es zunächst viele organisatorische Fragen. Vor allem aber überwog die Freude, dass der Masterstudiengang Immunologie in Magdeburg tatsächlich startete und wir gemeinsam mit den ersten Studierenden etwas Neues aufbauen konnten.
Der Studiengang war damals deutschlandweit einmalig. Warum war Ihnen ein eigener Master für Immunologie wichtig?
Prof. Reinhold: Unser Ziel war, wissenschaftlichen Nachwuchs gezielt für die Immunologie auszubilden und gleichzeitig den Forschungsschwerpunkt „Immunologie und Molekulare Medizin der Entzündung“ in die Lehre einzubeziehen. Uns war ein klares fachliches Profil wichtig. Deshalb haben wir uns bewusst für einen Masterstudiengang Immunologie entschieden und nicht für einen allgemeineren Studiengang Molekulare Medizin.
Die Studierenden sollten verstehen, wie das Immunsystem funktioniert – von den molekularen und zellulären Grundlagen bis hin zu den Mechanismen immunvermittelter Erkrankungen. Gleichzeitig sollten sie früh mit aktueller Forschung in Berührung kommen. Diese Verbindung prägt den Studiengang bis heute.
Was hat Sie in den vergangenen zehn Jahren besonders gefreut?
Prof. Reinhold: Dass sich die damalige Idee so nachhaltig entwickelt hat. Wir haben im Jahr 2016 mit 13 Studierenden begonnen und konnten bisher rund 100 Absolventinnen und Absolventen des Masterstudiengangs verabschieden. Diese arbeiten heute in der Wissenschaft, in außeruniversitären Forschungseinrichtungen, in der Industrie oder im Gesundheitswesen.
Wichtig war und ist mir außerdem, dass der Studiengang seine überschaubare Gruppenstärke behalten hat. Dadurch gibt es einen direkten Austausch zwischen Studierenden und Lehrenden. Das ist aus meiner Sicht eine seiner besonderen Stärken.
Prof. Fricke, Sie haben 2025 die Leitung des heutigen Instituts für Klinische Immunologie und Zelltherapeutika übernommen. Was hat sich in der Immunologie seit dem Start des Studiengangs verändert?
Prof. Fricke: Enorm viel. Moderne Immunologie untersucht längst nicht mehr nur einzelne Zelltypen, Signalwege oder Botenstoffe. Wir betrachten komplexe biologische Systeme und arbeiten mit großen Datenmengen. Deshalb spielen Bioinformatik, Biostatistik und Systemmedizin heute eine viel größere Rolle und sind fest im Curriculum verankert.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Zell- und Gentherapie. Immunzellen können heute nicht nur untersucht, sondern gezielt verändert und therapeutisch eingesetzt werden. Diese Entwicklung bildet der Studiengang inzwischen mit einem eigenen Modul zur anwendungsorientierten Zell- und Gentherapie ab.
Dabei geht es auch um die Frage: Wie wird aus einer wissenschaftlichen Entdeckung tatsächlich eine Therapie? Zwischen einer guten Idee im Labor und ihrer Anwendung bei Patientinnen und Patienten liegen viele Schritte – von der Entwicklung eines Herstellungsprozesses über Qualitätskontrollen bis hin zu regulatorischen Anforderungen. Genau diese Verbindung von Grundlagenforschung und medizinischer Anwendung wollen wir den Studierenden vermitteln.
Welche beruflichen Wege stehen Absolventinnen und Absolventen offen?
Prof. Reinhold: Viele entscheiden sich nach dem Master für eine Promotion und bleiben damit zunächst in der Wissenschaft. Andere gehen in außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Biotechnologie- oder Pharmaunternehmen oder in das Gesundheitswesen. Auch Wissenschaftskommunikation und Wissensvermittlung sind mögliche Felder. Da Immunologie eine globale Wissenschaft ist, sind die erworbenen Kompetenzen zudem international gefragt.
Prof. Fricke: Die Möglichkeiten sind heute noch breiter geworden. Zwischen einer wissenschaftlichen Entdeckung und einer neuen Therapie gibt es zahlreiche hochqualifizierte Tätigkeitsfelder – etwa in der präklinischen und translationalen Forschung, Bioinformatik, Biomarkerentwicklung, Zell- und Gentherapie, Prozessentwicklung oder Qualitätskontrolle. Der Master legt dabei keinen bestimmten Berufsweg fest. Er vermittelt eine wissenschaftliche Grundlage, auf der sich ganz unterschiedliche Karrierewege entwickeln können.
Welche Rolle spielt dabei das Forschungsumfeld in Magdeburg?
Prof. Fricke: Eine große Stärke Magdeburgs ist, dass hier verschiedene Ebenen der Immunologie zusammenkommen: Im Gesundheitscampus Immunologie, Infektiologie und Inflammation (GC-I³) arbeiten Beteiligte aus mehr als 20 Instituten und Kliniken zusammen, das Magdeburger Zentrum für Zell- und Immuntherapien (MAZI) bündelt Kompetenzen in Forschung, Entwicklung und klinischer Anwendung, und über die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig, in dem ich als Direktor für Klinischen Transfer tätig bin, kommt besondere Expertise in der anwendungsorientierten Zell- und Gentherapie sowie der GMP-konformen Herstellung hinzu. Für unsere Studierenden entsteht dadurch ein Umfeld, in dem sie verschiedene Seiten moderner Forschung kennenlernen können – von der Grundlagenwissenschaft über die klinische Forschung bis zur Anwendung.
Der Medizin-Nobelpreis 2025 ging an drei Forschende für ihre Arbeiten zur Immuntoleranz. Was zeigt diese Auszeichnung über die Bedeutung der Immunologie?
Prof. Fricke: Der Nobelpreis macht sehr deutlich, wie wichtig Grundlagenforschung für unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit ist. Mary E. Brunkow, Fred Ramsdell und Shimon Sakaguchi wurden für ihre Entdeckungen zur peripheren Immuntoleranz ausgezeichnet. Ihre Arbeiten haben wesentlich dazu beigetragen zu verstehen, wie regulatorische T-Zellen Immunreaktionen kontrollieren und verhindern, dass sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet.
Solche Erkenntnisse sind auch für die Medizin relevant, etwa bei Autoimmunerkrankungen, Krebs oder Transplantationen. Für Studierende steckt darin eine wichtige Botschaft: Eine Frage, die zunächst sehr grundlegend erscheint, kann später die Grundlage für neue Therapien bilden. Genau diese Verbindung macht die Immunologie für mich so spannend.
Welche Fragen werden die Immunologie in den kommenden zehn Jahren beschäftigen?
Prof. Fricke: Eine zentrale Frage wird sein, wie wir Immunreaktionen immer präziser und sicherer steuern können. Wann müssen wir eine Immunantwort verstärken, zum Beispiel gegen Tumore oder bestimmte Infektionen? Und wann müssen wir sie gezielt begrenzen, beispielsweise bei Autoimmunerkrankungen oder nach Transplantationen?
Gleichzeitig verändern neue Methoden die Forschung. Hochdimensionale Analysen, Bioinformatik und Systemmedizin ermöglichen es, Immunreaktionen als komplexe biologische Systeme zu verstehen. Zell- und Gentherapien eröffnen wiederum die Möglichkeit, Immunzellen selbst für therapeutische Zwecke zu nutzen.
Für Magdeburg liegt darin eine große Chance: Grundlagenforschung, klinische Immunologie und anwendungsorientierte Forschung noch enger miteinander zu verbinden.
Prof. Reinhold, Sie haben viele Jahrgänge begleitet. Was braucht es dafür von der nächsten Generation von Immunologinnen und Immunologen?
Prof. Reinhold: Wir wollen Immunologinnen und Immunologen ausbilden, die grundlegende Mechanismen verstehen und moderne experimentelle und quantitative Methoden beherrschen. Das ist das Fundament, auf dem alles Weitere aufbaut. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, die Bedeutung ihrer Forschung für die Medizin im Blick zu behalten und auch in größeren Zusammenhängen betrachten zu können.
Prof. Fricke: Unsere Studierenden sollen deshalb lernen, sich in nationalen und internationalen Netzwerken zu bewegen. Wissenschaft lebt heute von Austausch und Vernetzung über Fach- und Institutionsgrenzen hinweg. Dazu gehört auch eine wissenschaftliche Haltung: kritisch denken, die Grenzen des eigenen Wissens erkennen und offen sein für andere Disziplinen, Perspektiven und wissenschaftliche Kulturen. Genau diese Offenheit macht für mich auch die Stärke des Magdeburger Ansatzes aus: wissenschaftlich hier verwurzelt und zugleich überregional und international vernetzt zu sein.
Prof. Fricke, was würden Sie einem jungen Menschen sagen, der 2026 überlegt, in Magdeburg Immunologie zu studieren?
Prof. Fricke: Wenn Sie verstehen möchten, warum unser Immunsystem uns gleichzeitig schützt und krank machen kann und wenn Sie Forschung nicht nur aus Lehrbüchern kennenlernen möchten, dann ist Magdeburg ein spannender Ort. Hier begegnen Sie der Immunologie von den molekularen und zellulären Grundlagen über Bioinformatik und klinische Immunologie bis hin zu modernen Zell- und Gentherapien. Besonders interessant ist die Verbindung dieser Ebenen: zwischen einer wissenschaftlichen Entdeckung und einer neuen Therapie liegt ein anspruchsvoller Weg.
Prof. Reinhold, Sie begleiten den Studiengang seit seinen Anfängen. Was wünschen Sie sich für die nächsten zehn Jahre?
Prof. Reinhold: Ich wünsche mir, dass der Studiengang seinen klaren fachlichen Fokus behält und gleichzeitig offen für neue Entwicklungen bleibt. Die vergangenen zehn Jahre haben gezeigt, wie dynamisch sich die Immunologie verändert. Darauf muss auch die Ausbildung reagieren.
Vor allem aber wünsche ich mir weiterhin neugierige Studierende, die Fragen stellen und vermeintliche Gewissheiten hinterfragen. Wissenschaft lebt nicht davon, dass die nächste Generation unsere Antworten auswendig lernt. Sie lebt davon, dass sie bessere Fragen stellt.
Zum Abschluss des Gesprächs dankt Prof. Fricke allen, die den Studiengang in den vergangenen zehn Jahren getragen haben: „Ein Studiengang dieser Art ist nie das Werk Einzelner. Mein Dank gilt der Otto-von-Guericke-Universität und der Medizinischen Fakultät für die kontinuierliche Unterstützung – namentlich Rektor Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan, unserer Dekanin Prof. Dr. rer. nat. Daniela C. Dieterich, unserem Studiendekan Prof. Dr. med. C. Lohmann und der Studiendekanatsleitung Dr. rer. nat. Kirstin Winkler-Stuck. Ebenso danke ich den Kolleginnen und Kollegen, die den Studiengang aufgebaut und getragen haben, allen voran Prof. Burkhart Schraven, der ihn mitinitiiert hat, unseren Studienfachberatern Prof. Andreas Müller und Prof. Dirk Reinhold sowie unserer Studiengangskoordinatorin Julia Grüber für die verlässliche Organisation.“
